Eigentlich habe ich seit Jahren einen mehr als ausreichenden teleskopischen Fuhrpark für astronomische Beobachtungen. Nichtsdestotrotz schaue ich seit einiger Zeit immer wieder mal ob ich nicht ein interessantes, insbesondere auch älteres Stück finden kann. Hierbei habe ich es im besonderen abgesehen auf klassische Refraktoren (Linsenfernrohre) nach Fraunhofer welche ihre Hochzeit im letzten Jahrhundert hatten und auch unter Amateurastronomen damals recht weit verbreitet waren und teilweise noch sind.
Eher zufällig fand ich dann ein sehr vernünftiges Angebot über einen Celestron Refraktor mit der Typenbezeichnung SP-C80, ein Teleskop mit 80 mm Objektivdurchmesser und 910 mm Brennweite.

Nach kurzer Recherche war klar, dass wohl Vixen, ein japanischer Hersteller qualitativ guter bis sehr guter Teleskope, diesen in den 80-er Jahren als Auftragsfertigung für Celestron gefertigt hatte. Seinerzeit saß dieses Teleskop auf einer Vixen Super-Polaris Montierung, daher das SP in der Typenbezeichnung. Das ‘C‘ am Ende der Typenbezeichnung deutet auf die Auftragsfertigung für ‘C‘elestron hin und die 80 auf den Objektivdurchmesser von 80 mm. Diese Fernrohre wurden in Europe damals eher selten verkauft. In den USA finden sich hingegen mehr Informationen zu diesem Gerät.
Das SP-C80 ist ein klassischer Fraunhofer (FH) Refraktor, d.h. das Design geht auf Joseph von Fraunhofer zurück welcher dieses Anfang des 19. Jahrhunderts perfektioniert hatte. Das Objektiv besteht aus einer positiv brechenden Kronglaslinse und einer negativ brechenden Flintglaslinse welche durch einen sehr kleinen Luftabstand voneinander getrennt sind. Dieser kleine Luftabstand wirkt wie eine dritte Linse und gab Fraunhofer weitere Freiheitsgrade die optischen Abbildungsfehler der damals gängigen Linsenfernrohre zu verbessern. Dieser Fernrohrtyp wird kaum verändert noch heute von verschiedenen Firmen produziert meist für Amateurastronomen.

Der maßgebliche verbleibenden Abbildungsfehler bei diesem Fernrohrtyp ist die sog. Chromatische Abberation resp. der Farblängsfehler. Dies bedeutet, dass von diesem Objektivtyp nicht alle Farben von rot, orange, gelb, grün, blau bis violett in demselben Brennpunkt vereint werden können. Insbesondere für den blauen und violetten Farbbereich ergeben sich ja nach Auslegung des FH Objektives größere Abweichungen die an den beobachteten Objekten zu einem mehr oder minder erkennbaren Blausaum führen. Detaillierte Informationen zu diesem Abbildungsfehler und seiner Quantifizierung habe ich in einem separaten Artikel aufgeführt – Restchromasie von FH Refraktoren.

Laut Angebotsbeschreibung sollte der OTA (Optical Tube Assembly) noch gut in Schuss sein und der Preis stimmte auch, also habe ich zugeschlagen. Der OTA entpuppte sich dann allerdings als sehr gut erhalten, keine Beschädigungen, nur wenige winzige Kratzer im Lack. Die Optik, ein 80/910 Fraunhofer (FH), tadellos erhalten, kein Pilz, keine Kratzer oder Beläge.

Der Okularauszug (OAZ), ein robuster standard 1 1/4“ Rack & Pinion ebenfalls in einem sehr guten Zustand. Fast überflüssig zu erwähnen, dass der OTA komplett aus Metall und Glas besteht, Plastik wie heutzutage häufig bei diesem Teleskoptyp verbaut, sucht man hier vergeblich. Ich war gespannt auf die erste Nacht mit dem OTA.

Tagsüber hatte ich noch kurz per Laser die Justierung des OAZ geprüft, dieser war etwa 10 mm dezentriert, sprich schielte etwas neben die optische Achse. Da war ich dann doch überrascht aber die Ursache war schnell gefunden, eine der drei Blechschrauben mit denen der OAZ am Rohr befestigt ist war locker da das Loch in dem OAZ überdreht war. Die Schraube durch eine etwas größere ersetzt und beim Fixieren den OAZ zentriert auf die Mitte des Objektives, fertig.
Warten auf gutes Wetter, und dieses kam zu meiner Überraschung noch am selben Abend. Ich glaube das hatte ich noch nie wenn ich ein neues Fernrohr am Start hatte, ein gutes Zeichen wie ich hoffte.
Erste Beobachtungen
Erster Stern an diesem ersten Abend, Altair (Aquila). Ein Hauch von Blausaum, wahrnehmbar aber gar nicht störend. Beugungsbild auch bei hohen Vergrößerungen wie aus dem Lehrbuch. Nächster Kandidat Vega (Lyra). Hier ist der Blausaum des FHs deutlich sichtbar und bei höheren Vergrößerungen für mich grenzwertig. Mein Vixen 80L (80/1200) den ich leider Anfang der 2000-er verkauft hatte zeigte da in meiner Erinnerung deutlich weniger Farbe.
Hier muss ich darauf hinweisen, dass mit zunehmender Brennweite der Farbfehler von FH Achromaten abnimmt. Mein 80/910 mm FH muss also systembedingt einen höheren Farbfehler aufweisen als der 80/1200 mm.
Dann noch den 4-fach Doppelstern Epsilon Lyra angefahren, Nagler Zoom in den OAZ und auf 6mm (~150x) eingestellt. Beide Pärchen deutlich getrennt mit reichlich Zwischenraum, keine große Überraschung, das sollte ein guter 80 mm FH auch leisten können. Auf 5 mm (~180x) gegangen, schaut immer noch gut aus und dann weiter auf 4 mm und final auf 3 mm (~300x) gegangen. Dabei die Überraschung, die Beugungsbilder nachwievor wie aus dem Lehrbuch, kreisrunde Beugungsscheibchen und Beugungsringe angedeutet und reichlich Zwischenraum zw. den Komponenten. In dieser Doppelsterndomäne hat der alte FH das Potential meinem modernen 80 mm ED-APO das Wasser zu reichen, mindestens.
Ein paar Tage später kamen Jupiter und Saturn an die Reihe. Am Jupiter waren trotz der niedrigen Höhe mehrere Wolkenbänder sichtbar und einige weitere Strukturen in den Wolken. Der FH typische Blausaum war bei höheren Vergrößerungen sichtbar aber nicht wirklich störend. Interessant fand ich, dass das Beugungsscheibchen bei mindestens einem Jupitermond eindeutig größer war als bei den anderen, ich vermute, dass das Ganymed war, dieser hat bei Opposition einen Durchmesser von 1,8“ was etwas mehr ist als das Auflösungsvermögens des 80 mm Refraktors von 1,7“.
Saturn zeigte keinen visuell sichtbaren Blausaum mehr, dafür aber Wolkenbänder und trotz der recht niedrigen Höhe über dem Horizont in 2021 war die Cassini-Teilung in den Ringaußenbereichen beidseitig deutlich sichtbar.
Weitere Tage später konnte ich noch einen Blick auf den fast vollen Mond werfen allerdings war auch dieser sehr niedrig, somit der Blick mit einer gewissen Bildunruhe im Okular verbunden. Wieder tauchte bei höheren Vergrößerungen der Blausaum auf, interessanterweise aber weniger am Terminator sondern eher an der äußeren Umrandung. Auch hier zeigte sich auch bei höheren Vergrößerungen (>= 150) ein wirklich scharfes und auch kontrastreiches Bild im Okular. Der Blausaum war wahrnehmbar aber alles andere als störend.

Mein Eindruck
Laut Netz hat der Celestron dasselbe Qualitäts-Niveau wie der original Vixen 80/910 aus dieser Zeit. Verglichen mit meinem alten Vixen 80/1200 spielt dieser Celestron 80/910 mindestens auf demselben Niveau zeigt aber etwas mehr Restchromasie (=RC, verbleibender sichtbarer Farbfehler/Blausaum). Der 80/1200 FH hat nach Lichtenknecker einen RC von 4,9 bei einer AP (Austrittspupille) von 1 mm, der 80/910 dann bereits einen RC Wert von 6,4. Während der 80/1200 bei V=160x noch bei einem RC von 9,7 liegt, also deutlich unter 12 in einem Bereich wo laut Lichtenknecker noch eine gute Abbildungsqualität zu erwarten ist liegt der 80/910 her bereits bei einem RC von 12,8 und somit knapp über dem Lichtenknecker Grenzwert von RC=12 für eine gute Abbildung (6..12 = gute Abbildung, 12..20 = brauchbare Abbildung).
Meiner ganz persönlichen Meinung nach mit seinem nachtschwarzen glänzenden Lack, seinem guten Objektiv und seinem robusten Okularauszug ein schönes und praktisches Fernrohr mit guter Abbildungsqualität für visuelle Beobachtungen das sich vor seinen modernen APO-Brüdern nicht wirklich zu verstecken braucht und schon gar nicht vor den aktuellen FH-Refraktoren aus chinesischer Massenproduktion wo alles was nicht zwingend aus Metall oder Glas gefertigt werden muss aus billigem Plastik gemacht wird.
Da ich kein Sammler bin kommt dieser OTA nun zur Beobachtung der Sonne im Weißlicht zum Einsatz und für gelegentliche, schnelle Beobachtungen von Mond und Planeten von meiner Terrasse aus. Und vermutlich wird er auch noch den einen oder anderen Doppelstern trennen in der Zukunft.
In diesem Sinne allen Beobachtern Clear Skies !