Analoge Fotografie 2019

Warum sollte man wieder analog auf Film fotografieren, 2019 ? Diese Frage stellte ich mir die vergangenen Monate wiederholt nachdem ich nach über 15 Jahren komplett analoger Abstinenz wieder begonnen hatte auf Film zu fotografieren. Antworten darauf gibt es vermutlich so viele wie Aussagen zu dieser Frage im Netz. Vielleicht weil man es nach wie vor kann, weil auch hochwertiges analoges Equipment z.B. in der Bucht zu vergleichsweise günstigen Preisen gebraucht zu erstehen ist, weil es immer noch eine recht ansehnliche Auswahl an Filmen gibt, weil es hipp ist, weil auch junge Leute das analoge Fotografieren erstmalig für sich entdecken…

Ich habe die ersten 25 Jahre analog fotografiert auf verschiedensten Kameras, Mittelformat aber hauptsächlich auf Kleinbild. Dabei früher teilweise auch Filme und Abzüge selbst entwickelt. Nachdem ich nun 15 Jahre die Vorzüge und den Komfort der digitalen Fotografie genossen habe war es wohl auch an der Zeit die eingemotteten alten analogen Kameras zu reaktivieren.

Ich persönlich mag das Arbeiten und Hantieren mit diesem altem Equipment aus der Vor-AF Zeit, manuelles Fokussieren, manuelle Einstellung aller notwendigen Parameter an der Kamera und die Haptik der alten Kameras. Manche nennen es Entschleunigung, für mich fühlt sich der Prozess der filmbasierten Bilderstellung schlicht anders an als die digitale Variante. Ich fotografiere intensiver und auch langsamer mit analogen Kameras. Ich lasse mich mehr ein auf die Motive, suche Motive gezielter aus und liebe die Herausforderung mit aus heutiger Sicht im Vergleich zu digitalem Equipment beschränkter Ausrüstung auch noch gute Ergebnisse zu erreichen.

Diese unterschiedliche Arbeitsweise ergibt sich dabei ganz automatisch mit dem alten analogen Equipment. Es gibt je nach Kamera kein AF mehr, im besten Fall noch eine Zeit- oder Blenden-Automatik, der Rest muss manuell gemacht werden. Jedes filmbasierte (Klein)Bild kostet etwa 50 Cent, Film, Entwicklung, Abzüge, ein digitales Bild kostet praktisch nichts. Auch aus diesem Grund will jedes (Film-)Bild gut überlegt sein.

Was dem Aspekt der beschränkten Ausrüstung vielleicht nahe kommt, als aktiver Funkamateur, im Amateurfunk gibt es eine Spielart die sich QRP nennt. Hier geht es darum mit minimalster Sendeleistung und optimaler Betriebstechnik weltweiten Funkverkehr i.d.R. über Kurzwelle zu machen. Zum Vergleich, Funkamateure dürfen je nach Land mit bis zu 1500 Watt Sendeleistung operieren. Kombiniert mit einer guten Richtantenne (Beam) und einem guten Standort liegt einem funktechnisch mit dieser Ausrüstung die Welt zu Füßen. QRP erlaubt hingegen maximal 5 Watt und viele QRP Funkamateure arbeiten mit noch deutlich weniger Sendeleistung, teilweise im Milliwatt Bereich. Wir lieben hier die Herausforderung mit minimierter Ausrüstung, häufig auch mobil oder portabel unterwegs maximale Reichweiten zu erreichen. Auf die Fotografie übertragen würde QRP bedeuten mit bescheidener (analoger) Ausrüstung und durch gute fotografische ‚Betriebstechnik‘ gute Ergebnisse erzielen zu können.

Spannend ist auch die Erfahrung mit alten analogen Kameras außergewöhnliche Ergebnisse erziehlen zu können. Hier kommt der besondere Charakter der Bilder von analogen Filmen und Abzügen zum Tragen, der interessanterweise heute im digitalen Bereich mehr oder weniger gut emuliert werden kann. Offensichtlich gibt es ein gewisses Interesse daran diesen alten Filmlook auch auf digitale Bilder übertragen zu können.

Ein kurzer Vergleich Analog vs. Digital

Eigentlich gibt es zu diesem Thema nicht mehr viel zu sagen, im Netz gibt es unzählige Seiten die sich mit dieser Thematik auseinander setzen. Zusammenfassend kann man sagen, dass das Rennen Analog vs. Digital gelaufen ist und Digital auf fast ganzer Linie gewonnen hat. Es gibt nachwievor Nischenbereiche wo Analog vielleicht noch die Nase vorn hat aber diese Bereiche sind i.d.R. abseits des Mainstream zu finden, z.B. in der Fotografie auf Mittel- oder Großformat. Auf der anderen Seite sind die Ergebnisse die mit guten Analogkameras heute erreicht werden können qualitativ ebenfalls alles andere als schlecht, die analoge Kamera- und Film-Industrie war zum Ende des letzten Jahrhunderts hoch entwickelt und auch heute kommen noch neue und verbesserte Filme auf den Markt. Beschäftigt man sich mit diesem Vergleich intensiver führt einen dies relativ schnell zu folgender Frage:

Wieviel Megapixel braucht der Mensch ?

Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten und es gibt nicht die eine richtige Antwort auf diese Frage. Professionelle Fotografen welche regelmäßig sehr große Abzüge benötigen oder Ausschnittsvergrößerungen haben andere Ansprüche als Amateuer- oder Hobby-Fotografen. Allen gemeinsam sind aber die physikalischen Grenzen die Sensoren (Film/CCD/CMOS), Objektive und Auge vorgeben. Ein kurzer Ausflug.

Das Auflösungsvermögen eines gesunden menschlichen Auges liegt bei rund einer Bogenminute, das ist ein sechzigstel Grad. Was bedeutet dies nun für Abzüge oder generell für die Bildbetrachtung auch am Monitor ? Grundsätzlich bedeutet dies, dass wir kleinere Details mit einer Winkelausdehnung von weniger als einer Bogenminute auf Foto oder dem Monitor nicht mehr erkennen können. Dies ist z.B. auch der Grund dafür warum ein 4K oder gar 8K Display eine gewisse Mindestdiagonale bei Displays voraussetzt, sonst macht diese Auflösung wenig Sinn.

Am Beispiel eines A4 großen Abzugs

Welche Auflösung müssen nun Sensor (digital oder analog) und Objektiv mindestens aufweisen für einen objektiv scharfen Abzug im A4 Format (~20×30 cm) ? Nun, zunächst muss der optimale Betrachtungsabstand für ein Bild dieses Formats definiert werden. Üblicherweise hält man sich ein A4 Foto nicht 5 cm vor die Nase, auch betrachtet man es i.d.R. nicht aus 5 m Entfernung. Eingebürgert hat sich ein optimaler Betrachtungsabstand der mindestens der Bilddiagonalen des betrachteten Bildes entspricht, das sind bei A4 etwa 36 cm oder mehr. Bei einer Auflösung von 1 Bogenminute kann das Auge auf 36 cm Entfernung noch Details von ungefähr 0,1 Millimetern erkennen, d.h. 10 unterschiedliche Einheiten (Pixel) pro Millimeter. Fotografen sprechen hier von einer Auflösung von 10 Linien (L) pro Millimeter oder 5 Linienpaaren (LP) pro Millimeter.

Nun ist ein A4 Bild ungefähr um den Faktor 8,3 größer als ein Kleinbild oder Vollformatsensor, d.h. der Sensor muss mindestens die 8,3 fache Auflösung des A4 Abzuges aufweisen um ein scharfes Bild erzeugen zu können. Legen wir noch ein wenig Puffer oben drauf und rechnen hier der Einfachheit halber mit dem Faktor 10 so kommen wir auf eine minimal notwendige Auflösung des Sensors zu 50 LP/mm resp. 100 L/mm entsprechend 100 Pixel/mm.

Wenig überraschend entspricht ein Auflösungsvermögen von 50 LP/mm dem Auflösungsvermögen von guten handelsüblichen analogen Filmen mit ~100 ISO Empfindlichkeit.

Was bedeutet dies nun für einen digitalen (Vollformat) Sensor ? Nun, das minimal notwendige Auflösungvermögen um ein scharfes A4 großes Bild bei dem gewählten Betrachtungsabstand erhalten zu können liegt bei ungefähr 2400 x 3600 Pixel, dies sind 8,6 Mega-Pixel. Dies bedeutet, dass für Formate bis und geringfügig über A4 ein 10 oder 12 Mega-Pixel Sensor mehr als ausreichend ist. Größere Sensoren bringen bei diesen Formaten keinen Mehrgewinn an Schärfe oder Details.

Nun könnte man argumentieren, dass bei geringerem Betrachtungsabstand das Bild dann aber doch unscharf sein würde und man deshalb eine höhere Pixelzahl benötigt. Dies ist dann grundsätzlich richtig, allerdings geht bei einem kürzerem Betrachtungsabstand eben auch der Gesamteindruck des Bildes verloren. Hinzu kommt, dass Papierabzüge i.d.R. auf 300 dpi (Standard) Druckqualität optimiert sind, das sind ungefähr 12 dots pro mm, kommt also wenig überraschend den o.g. 10 Linien/mm Mindestauflösung sehr nahe. Sollen Bilder auch in geringeren Abständen noch scharf sein ist auch eine entsprechend höhere Druckauflösung erforderlich.

Argumentieren könnte man auch mit Ausschnittsvergrößerungen die nach einer höheren Auflösung resp. Pixelzahl verlangen. Dem Argument kann man in der Tat folgen, ich halte es hier aber grundsätzlich mit Robert Capa der einst sagte,
Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran“ …

Auflösungsvermögen von Objektiven

Was ich noch gar nicht erwähnt hatte ist das Auflösungsvermögen der Objektive. Der Sensor der Canon EOS 5DS z.B. hat 8.688 x 5.792 Pixel auf 24 mm x 36 mm, d.h. jedes Pixel hat eine Größe von etwa 4 µm. Das theoretische Auflösungsvermögen eines Objektives hängt von der Wellenlänge und der Öffnungszahl (Blende) ab und liegt in etwa in demselben Bereich bzw. bei kleineren Blenden darüber. Dies bedeutet, dass ein >= 50 Mega-Pixel (Voll-Format) Sensor sein Auflösungsvermögen nur dann wirklich ausspielen kann wenn das Objektiv perfekt abbildet, der Fokus ebenfalls exakt (!) getroffen wird und die Blende nicht zu groß (Abbildungsfehler) oder zu klein (Reduktion der Auflösung durch Beugung) eingestellt wird. Jede kleinste Abweichung, z.B. auch durch freihändige, (minimal) verwackelte Aufnahmen, jede Imperfektion wird sich hier sofort bemerkbar machen und das Auflösungsvermögen reduzieren. In der Praxis mit Standard-Objektiven und nicht perfekter Fokussierung können die >= 50 Mega-Pixel somit ihr Potential kaum entfalten.

Schlussbetrachtung

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass in aller Regel im Amateur- und Hobbybereich bereits eine Auflösung von 12 Mega-Pixel bei digitalen Sensoren ausreichend ist. Niedrigempfindliche, fein- und feinstkörnige analoge Filme erreichen auch bereits im Kleinbildformat eine ähnliche/analoge Auflösung, je nach Filmmaterial sogar darüber. Bei Mittelformat oder gar Großformat sind die erreichbaren Auflösungen sogar nochmals deutlich höher.

Und hier vielleicht noch ein interessanter Vergleich Analog vs. Digital (ext. PDF).