Teleskop-Objektive
Als mittlerweile seit mehreren Jahrzehnten praktizierender Amateurastronom bin ich recht gut vertraut mit der Bestimmung und Berechnung des Auflösungsvermögen optischer Instrumente insbesondere natürlich auch von Teleskopen. Amateurastronomen interessieren sich hierbei wie eng zwei (gleich helle) Sterne am Himmel zusammen stehen dürfen um im Teleskop der Wahl gerade noch als getrennt wahrgenommen werden zu können.
Begrenzt wird das Auflösungsvermögen jedes Objektives durch Beugungserscheinungen an der kreisförmigen äußeren Begrenzung des Objektivs (Blende). Ein unendlich großes Objektiv würde punktförmige Lichtquellen als Punkte abbilden, jedes Objektiv mit einem endlichen Durchmesser erzeugt von punktförmigen Lichtquellen mehr oder weniger große Beugungsmuster englisch Airy-Disks genannt. Die Größe dieser Airy-Disks ist ausschließlich von dem verwendeten Öffnungsverhältnis resp. der Blende abhängig aber dazu später mehr.
Da der Himmel von der Erde aus betrachtet eine Kugelgestalt hat wird das Auflösungsvermögen von Teleskopen üblicherweise im Bogenmaß angegeben und berechnet sich wie folgt, wobei D der Durchmesser des Objektivs und λ die Wellenlänge ist, üblicherweise wird hier die e-Linie ne = 546 nm verwendet, tlw. findet man in der Literatur aber auch 560 nm als Referenzwellenlänge wobei die Unterschiede zw. beiden Ergebnissen eher akademischer Natur sind.

Bei einem Teleskop von 100 mm Objektivöffnung errechnet sich das Auflösungsvermögen so zu 1,4″.
Der Berechnung des Auflösungsvermögens von Teleskopen liegt das Rayleigh Kriterium zugrunde, Details hierzu sind z.B. bei Wikipedia zu finden unter Rayleigh Criteria.
Interessant und für den weiteren Artikel wichtig ist ein grundsätzliches Verständnis der Airy-Disks und die Bestimmung seiner Größe. Zunächst einmal aber ein Blick auf die Airy-Disk. In einem Teleskop sieht die Airy-Disk eines (punktförmigen!) Sterns unter perfekten Bedingungen bei entsprechend hoher Vergrößerung wie folgt aus :

Der zugehörige Graph der den Intensitätsverlauf einer Airy-Disk zeigt sieht grundsätzlich wie folgt aus :

Gut zu erkennen das eigentliche zentrale Beugungsscheibchen und die umgebenden Beugungsringe. Der Durchmesser DA der Airy-Disk ist nun wieder von der verwendeten Wellenlänge λ und von dem Öffnungsverhältnis (Blende) N abhängig. Der Durchmesser basierend auf dem 1. Beugungsminimum errechnet sich wie folgt :

Kamera-Objektive
Das Auflösungsvermögen fotografischer Objektive ist aus historischen Gründen anders definiert. Üblicherweise verwenden Fotografen für die Auflösung von Objektiven analog zum Auflösungsvermögen fotografischer Filme die Einheit Linienpaare pro mm, [LP/mm]. Hier wird ermittelt wie eng schwarz-weiße Linienpaare zusammen stehen dürfen um noch als getrennt wahrgenommen zu werden. Eine kurze Beschreibung dieser Einheit und seiner Grundlagen ist wiederum auf Wikipedia zu finden in dem Artikel zur fotografischen Auflösung. Grundsätzlich sind die physikalischen Gegebenheiten bei Kamera-Objektiven aber natürlich exakt dieselben wie bei Teleskop-Objektiven. Kamera-Objektive erzeugen ebenfalls Airy-Disks von punktförmigen Lichtquellen welche das Auflösungsvermögen beschränken.
Die für mich spannende Frage und mit ein Grund für diesen Artikel war die Übertragung resp. Vereinheitlichung der Bestimmung der Auflösungsvermögen von Teleskop-Objektiven und Kamera-Objektiven, die Auswirkung des Auflösungsvermögens von Kamera-Objektiven bei Verwendung verschiedener Blenden auf das Bild und daraus folgend Auswirkungen auf die Filmauswahl.
Trennvermögen – Definition für Kameraobjektive
Wie bereits beschrieben verwenden Fotografen eine andere Definition um das Auflösungsvermögen von Kamera-Objektiven zu beschreiben, Linienpaare/mm [LP/mm]. Um nun das Auflösungsvermögen basierend auf den Airy-Disks für Kamera-Objektive nun auch in LP/mm übertragen zu können bedarf es zunächst einer Definition für den Zusammenhang zwischen Linienpaaren und Beugungsmustern. Dem ursprünglich angedachten schwarz-weißen Muster der Linienpaare kommen multiple sich überlappende Beugungsmuster mit einem Intensitätskontrast von 1 am nächsten. Dies bedeutet nichts anderes, als dass sich nebeneinander stehende Airy-Disks jeweils im 1. Beugungsminimum überlappen. Das folgende Bild veranschaulicht diesen Sachverhalt.

Mathematisch ist nun der Zusammenhang zw. den Beugungsmustern und Linienpaaren wie folgt, wobei T das Auflösungsvermögen in [LP/mm] und DA der von der jeweiligen Blende abhängige Durchmesser der Airy-Disk sind:

Auf dieser Grundlage lassen sich nun nach (2) die Größen der Airy-Disks für verschiedenen Blenden berechnen und in die Einheit Linienpaare/mm nach (3) umsetzen. Der folgende Graph zeigt nun sowohl die Größen der Airy-Disks als auch die Abhängigkeit des Auflösungsvermögens von Kamera-Objektiven von der Blende wobei das Auflösungsvermögen in [LP/mm] dargestellt ist.

Zur Erläuterung :
Die blaue Gerade beschreibt den Durchmesser des Airy-Disk (rechte Y-Achse) abhängig von der gewählten Blende resp. Öffnungsverhältnis (X-Achse). Die Rote Kurve beschreibt in Abhängigkeit von der gewählten Blende das theoretisch max. erreichbare Auflösungsvermögen des Objektives in [LP/mm] (linke Y-Achse). Beide Kurven stellen theoretische Werte dar welche nur bei perfekter, fehlerfreier Optik erreicht werden können.
Das höchste Auflösungsvermögen wird bei den meisten Objektiven zwischen Blenden von ~3 bis etwa 8 erreicht. Bei kleineren Blenden (rechts in der Grafik) nimmt das Auflösungsvermögen aufgrund der zunehmenden Größe der Beugungsmuster deutlich ab, bei größeren Blenden (links in der Grafik) würde das Auflösungsvermögen theoretisch immer weiter zunehmen was aber in der Praxis meist nicht der Fall ist aufgrund von Abbildungsfehlern der verwendeten Optiken die bei größeren Blenden immer mehr zum Tragen kommen.
Insbesondere bei großen Blenden kommen die diversen Abbildungsfehler die Objektive haben immer mehr zum Tragen, die wichtigsten sind Chromatische- und Sphärische- Aberration, Astigmatismus, Koma und verschiedene andere Fehler. Diese vergrößern die Beugungsmuster und reduzieren somit zunehmend bei größeren Blenden das Auflösungsvermögen oben in der Grafik beispielhaft angedeutet durch die gestrichelten roten und blauen Linien. Diese lassen sich natürlich nicht verallgemeinern und es hängt von den jeweiligen Objektiven ab wie diese gestrichelten Kurven dann wirklich verlaufen.
Als Faustregel kann man i.d.R. davon ausgehen, dass einfache Zoom-Objektive ein praktisches Auflösungsvermögen im Bereich von 50 LP/mm haben, Festbrennweiten erreichen bis 100 LP/mm und teils darüber. Ausnahmeobjektive e.g. von Zeiss können auch Auflösungen jenseits von 200 LP/mm erreichen.
Der in der Grafik grün hinterlegte Bereich ist der Bereich in dem qualitativ gute Objektive die beste Performance zeigen. Diesen habe ich hier recht subjektiv gewählt, bei höheren Ansprüchen ist dieser Bereich ggf. auch enger zu fassen. Die horizontale Gerade bei etwa [110 LP/mm] entspricht dem max. Auflösungsvermögen meines Filmscanners (5400 dpi). Dies nur der Vollständigkeit halber um aufzuzeigen, dass die Auflösung des fertigen Bildes auch von den Komponenten in der weiteren Verarbeitung wie Scanner, Vergrößerer, Drucker abhängt.
Zusammenhang mit der Auflösung von Filmen
Das Auflösungsvermögen fotografischer Filme wird i.d. Regel auch in [LP/mm] angegeben, z.B. hat der Kodak Professional Ektar 100 Farbnegativfilm ein Auflösungsvermögen von ~105 [LP/mm], der Ilford Delta 100 ungefähr 140 [LP/mm], klassische 100 ISO SW-Filme liegen hier bei etwa 75 [LP/mm] jeweils bei einem Kontrastverhältnis von 1:4.
Aus der obigen Grafik sieht man nun, dass bei Verwendung kleiner Blenden das Auflösungsvermögen des verwendeten Films nachrangig ist da das Auflösungsvermögen primär vom Objektiv begrenzt wird. Im grün hinterlegten Bereich hingegen ist das Auflösungsvermögen des verwendeten Films relevant da auch das Objektiv hier Auflösungsvermögen im Bereich >>50 [LP/mm] zeigt. Wenn also das Ziel hochaufgelöste Bilder sind macht es Sinn einen geeigneten Film zu verwenden gepaart mit qualitativ guten Objektiven und einer passenden Blendeneinstellung.
Das erreichbare Auflösungsvermögen einer bestimmten Kombination von Objektiv, Film und Weiterverarbeitung (Scanner/Vergrößerer) auf einem fertigen Ausdruck oder Positiv ist immer kleiner als das kleineste Auflösungsvermögen der beteiligten Komponenten. Der Zusammenhang hier ist leider nicht ganz trivial und es ist in der Tat nicht so, dass bei Verwendung eines Objektives mit 100 LP/mm und eines Films mit 100 LP/mm auch tatsächlich eine Auflösung von 100 LP/mm auf dem Film und letztendlich auf dem Positiv landet. Dieses nun zu beschreiben ist aber Thema eines weiteren Artikels wo es um das notwendige Auflösungsvermögen des Gesamtsystems (Kamera / Objektiv / Film / Weiterverarbeitung) geht für sehr große Ausdrucke resp. Positive vom 35 mm Film.
Ein kurzer Ausflug in die MTF Welt
Die konsequente Weiterentwicklung des oben gezeigten Ansatzes sind die Modulation Transfer Functions (MTF). Dieser zeitgemäße Ansatz beschreibt die Performance eines optischen Systems. In die MTF gehen Auflösung und Kontrast/Modulation ein. Das Ergebnis sind MTF Kurven, die die Performance des optischen Systems zeigen. Statt dem in der Grafik oben gezeigten sich wiederholenden Intensitätsverlaufs werden bei MTFs sinusförmige Helligkeitsverteilungen zu Grunde gelegt. Das Muster besteht somit aus abwechselnd hellen und dunkler Streifen unterschiedlicher Frequenz. Je höher die Frequenz desto enger stehen die Linien zusammen. Ausgewertet wird nun die Antwort des optischen Systems auf diese Eingangssignale.
Dieses Konzept ist an vielen Stellen im Web gut dokumentiert, hier sind einige Links zum Weiterlesen :
- Edmund Optics – Introduction to Modulation Transfer Function
- Zeiss – Wie liest man MTF-Kurven
Zusammenfassung
Ich hoffe hier einen allgemeinverständlichen Weg aufgezeigt zu haben wie das Auflösungsvermögen von Objektiven allgemein basierend auf den Beugungsmustern übertragen werden kann in die für Fotografen eher bekannte Definition der Auflösung über Linienpaare/mm und dabei auch Wege aufzuzeigen, wie durch geeignete Einstellung der Blende und Verwendung passender Filme die Auflösung im Ergebnis maximiert werden kann.
Essentiell bei der ganzen Betrachtung ist immer die Qualität der verwendeten Optik, hier sollten keine Abstriche gemacht werden. Hinzu kommt aber auch noch die Aufnahmetechnik. Freihand-Aufnahmen sind meist bis zu einem gewissen Grad verwackelt. Wer an die Grenzen der möglichen Auflösung gehen möchte sollte unbedingt ein Stativ verwenden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt oben bereits angedeutet ist auch die Weiterverarbeitung der Bilder durch Scanner, Drucker, Vergrößerer etc. Alle diese Komponenten müssen die gewünschte Auflösung unterstützen damit diese am Ende auch erreicht wird. Die final erreichte Auflösung richtet sich nach dem schwächsten Glied in der Kette.
Und last but not least, das oben gesagte gilt mal abgesehen von den filmspezifischen Anmerkungen auch uneingeschränkt für digitale Sensoren. Um die Auflösung bei digitalen Sensoren zu optimieren sollte die Größe der Airy-Disks des Objektivs auf die Pixelgröße des CCD oder CMOS Chips durch die Wahl geeigneter optischer Parameter angepasst werden.
Was ich in diesem, an sich sehr guten Artikel, vermisse, aber nicht nur in diesem, ist, dass das Auflösungsvermögen eines Objektives in Abhängigkeit steht von seinem Objektivdurchmesser. Man braucht 138 mm Objektivdurchmesser, um eine Auflösung von 1 Bogenminute zu erreichen. Das mag bei kleinen Objekten in der Nähe noch keine Rolle spielen, bei entfernteren Objekten jedoch schon. Selbst wenn man eine 50 MP-Kamera hätte, so spielt das keine Rolle, weil eben diese 1 Bogenminute über die vorhandenen Pixel gleichmäßig abgebildet wird.
Ich habe z.B. selbst ein 900 mm Spiegeltele (1/8), d.h. dass der Objektivdurchmesser 102 mm beträgt. Wenn ich selbst unter besten Bedingungen Aufnahmen vom Mond mache, so bin ich doch von der geringen Auflösung enttäuscht. Und das, obwohl die Kamera 18MP hat.
Hallo Andreas,
vielen Dank für Ihr Feedback. Ich erlaube mir da eine kleine Korrektur Ihres Beitrages, das Auflösungsvermögen eines Objektives von 138 mm Durchmesser liegt bei einer Bogensekunde. Das Auflösungsvermögen nach Rayleigh in dem auch der Durchmesser des Objektives eingeht ist ganz oben in diesem Artikel vermerkt (1. Formel).
Ihre Beobachtung kann ich indes nachvollziehen. Um bei Ihrem Beispiel zu bleiben, eine 50 MP Kamera z.B. Canon 5DS, Vollformat 24×36 mm Sensor entsprechend 8.688 Pixel × 5.792 Pixel hat ein Pixelpitch von 4,14 µm.
Ihr Objektiv mit einer Öffnung von 102 mm hat theoretisch ein Auflösungsvermögen von 1.33″ (Rayleigh) und ihr Objektiv mit Blende N=900/102=8,8 erzeugt Airy-Disks mit einem Durchmesser von 11,8 µm (2. Formel oben im Artikel)
Wie Sie nun schon richtig anmerken ist das praktisch erreichbare Auflösungsvermögen ggf. enttäuschend. Dies hat in diesem Beispiel mind. zwei Gründe :
Bei einer Pixelgröße des Sensors von rund 4 µm und einem Auflösungsvermögen des Objektives von rund 12 µm verpufft ein nicht unerheblicher Teil des theoretischen Auflösungsvermögens des Sensors da die Blende zu klein ist. Bei einem 18 MP (Crop)Sensor kann es ähnlich aussehen, es kommt hier nur auf die Pixelgröße/Pixelpitch vs. Blende an. Streng genommen müsste man nun auch noch die Auswirkungen der Bayer-Matrix bei Farb-Sensoren betrachten. Nicht ohne Grund sind bei Astrofotografen Sensor/Pixelgröße/Pixelpitch und die verwendete Optik i.d.R. passend aufeinander abgestimmt.
Der zweite vielleicht noch gravierendere Faktor ist das Seeing gerade bei Astrofotos. Sie fotografieren den Mond durch eine mehrere Kilometer dicke Atmosphäre welche unterschiedliche Dichten und Temperaturen in ihrem Verlauf und damit leicht unterschiedliche Brechungsindexe hat. Dies führt zu atmosphärischem Seeing welches bei uns in Deutschland i.d.R. das Auflösungsvermögen auf bestenfalls 1..2″ begrenzt, oft schlechter, auch bei deutlich größeren Objektiven.
Andere Faktoren können das Auflösungsvermögen weiter reduzieren resp. beeinflussen, z.B. eine zentrale Obstruktion beim Objektiv (Fangspiegel), die Qualität der Optik, lokales (Tubus) Seeing, fehlende oder ungenaue Nachführung bei der Fotografie von astronomischen Objekten, Genauigkeit der Fokussierung usw.
Gegen das Seeing ist wenigstens ein Kaut gewachsen, Stichworte wären Stacking und lucky imaging aber das führt dann doch zu weit hier.
Schöne Feiertage!
Vielen Dank für die aufschlussreiche Antwort.
In der Tat, es ging um die Bogensekunde und nicht um die Bogenminute.
Als alter Amateurastronom wollte ich auch über das Seeing schreiben, habe es aber dann vergessen. Beides der späten Stunde geschuldet. Leider ist das Seeing in den letzten Jahrzehnten nicht besser geworden. Man muss schon wissen, wo es noch Orte mit wenig Lichtverschmutzung und entsprechender Luftruhe gibt. Und das ist weitab der Städte und Großstädte.
Ich habe mich seit den 70er Jahren mit Astrophotographie beschäftigt. Begriffe wie Schwarzschildeffekt und Hypersensibilisierung sind geläufig. Mit Einführung der Digitalphotographie habe ich es dann aber aufgegeben. Wenn es heute um lp/mm geht, ging es damals um die Korngröße des Films.
Jedenfalls ist die Lücke, die bisher bestand, zwischen Auflösungsvermögen des Objektives und des Sensors dank der Antwort geschlossen.
Ich wünsche besinnliche und friedliche Feiertage.